Mit Kindern im Hilfseinsatz auf den Philippinen

Reisebericht von Andrea Kahland : Aufenthalt in den Philippinen April 2016

Gemeinsam mit meinen Kindern Hannah und Finn bewundern wir Annies Mut, als Sie vor 2 Jahren verkündet, dass Sie Kindern in Not auf der ganzen Welt helfen möchte. Hannah ist mächtig stolz auf Ihre Patentante- ich bin es auch.
Vermutlich wusste Annie zu dem Zeitpunkt nicht, wie schwer diese Reise werden würde, wieviel Kraft Sie abverlangt und welch Tiefen Sie mit sich bringt. Vor zwei Jahren gebe ich Ihr mein Wort, dass wir Sie und Ihre Tochter Malia eines Tages bei Ihrer sozialen Arbeit vor Ort unterstützen wollen.

Im April diesen Jahres ist es so weit. Hannah wird 2 zusätzliche Wochen aus der Schule beurlaubt, ich verkaufe im Vorfeld die gebrauchten Kinderkleider, CD´s, Bücher und DVD´s um Spendengelder zu sammeln. Starte erneut per Email einen Spendenaufruf, packe zusätzlich zwei große Koffer mit Geschenken für die Familien, enthalten darin sind Kleider für Groß und Klein, Mal- und Schreibmaterialien sowie Spielsachen. Liebe Freunde und Nachbarn bezahlen die eine oder andere von mir gekaufte Ware etwas großzügiger, ein wenig runde ich auf und bringe 375 € zusammen – nicht viel denke ich mir, aber besser als Nichts…

Der Flug ist lang und beschwerlich, die Zeit zum Umsteigen viel zu knapp. Am Flughafen nimmt uns Annie mit Ihrer Tochter Malia, beide am gleichen Tag wie wir auf die Philippinen angereist mit Mel, der Vorsitzenden der Stiftung NCFP (Noordhoff craniofacial foundation ot the Philippines), in Empfang. Der Verkehr in Manila ist ein Alptraum, erst spät Nachts kommen wir in der christlichen Einrichtung in Manila an. In der Residence der Nonnen stehen Zimmer für uns bereit, die Patienten leben in einem seperatem Haus auf dem Areal, dem Transient House.

Unsere zu betreuende Gruppe muss erst noch anreisen, die Organisation nimmt Zeit und Nerven in Anspruch. Bei einem Cleft-Treatment sind oftmals mindestens 3 Operationen notwendig, die zweite soll bei obigen Patienten stattfinden. Zwar übernimmt die Stiftung NCFP die Kosten für das Cleft-Treatment, doch aufgrund familärer Rahmenbedingungen ist es vielen Patienten nicht möglich anzureisen und das Angebot anzunehmen.
Annie führt viele Telefonate mit den betroffenen Familien und nach langem hin und her rücken Sie nach den vorgeschobenen Argumenten mit der Wahrheit heraus: Norlita hat kein Geld um den Kredit für den Reis zu bezahlen, noch haben Ihre Kinder Schuhe und Kleider für die Reise. Estrela geht täglich früh morgens ans Meer um Muscheln zu sammeln und Sie für wenige Pesos an die Einheimischen zu verkaufen. Das zusätzliche Geld benötigen Sie, um wöchentlich einen Kredit zurückzubezahlen. Insgesamt haben Sie zwei Kredite, die Sie aufnehmen mussten weil Ihre Tochter Nina Grace durch die Spaltbildung häufig krank wird, an Lungenentzündung, Mittelohrentzündung uvm. leidet. Resmeel hat Sorge seine Frau mit dem Neugeborenen alleine zu lassen, nimmt aber allen Mut zusammen um mit Lemceer Zeus die Operation in Angriff zu nehmen. Annie verspricht sich um die Bedarfe der Familien zu kümmern, mit welchen Mitteln weiss Sie noch nicht, Sie überzieht Ihr eigenes Konto hierfür. Erst dann machen Sich die Patienten auf den Weg. Wir schicken Geld für den Transport mit der Fähre und zur Ablösung des Reiskredites.

Montag Morgen geht es ins Krankenhaus, hierfür mietet die NCFP einen Van. Ein Kreis philippinischer Ärzte arbeitet für die Cleft-Patienten ehrenamtlich. In rollierendem Turnus teilen Sie sich Montags den Check Up, bei dem Blutwerte getestet werden, allgemeiner Gesundheitszustand sowie Röntgenbilder angefertigt werden. Es ist wichtig dass die Lunge- und Atemwege frei sind, da eine Operation sonst lebensbedrohlich enden kann. Fallen die Ergebnisse zufriedenstellend aus, wird die Operation für den darauffolgenden Tag angesetzt.
Bei unseren drei Patienten schaut es zunächst gut aus. Operationstermine für den Folgetag sind keine mehr zu bekommen, Sie erhalten Termine für den darauffolgenden Dienstag.
Während ein Teil der Kinder untersucht wird, betreuen Hannah, Finn, ich und eine Ärztin ein Kinderprogramm. Wir basteln, malen und falten Hunde, Papierflieger und Delphine.

Die darauffolgenden Tage gehe ich täglich zum Markt, erwerbe mit meinem Spendengeld frisches Obst und Gemüse. Wir kaufen Milchpulver, Windeln, Kakao und viele Zutaten um vor Ort zu kochen. Das Geld zerrinnt mir zwischen den Fingern, ich bin schockiert wie teuer das Leben in Manila ist. Die Preise für Obst-und Gemüse gleichen denen in Deutschland, kein Wunder kann sich keiner der Patienten bei einem Monatslohn von 50-100€ eine ausgewogene Ernährung leisten!
Die Küche obligt dem Regime von Cyntia, die das Sagen in der Patientenunterkunft hat. Meine täglichen Yoga-Stunden scheinen Sie kooperativ zu stimmen. Viel scheint hier jedoch von Glück und Goodwill abzuhängen….
Im Transient House leben ca. 40 Patienten. Wir sehen unterschiedlichste Cleft-Fälle, alle warten Sie auf eine Operation.

 

Unsere drei Familien mit 9 Köpfen teilen sich drei Betten, es ist unvollstellbar. Norlita hat lediglich Ihren ältesten Sohn zu Hause gelassen, die zwei jüngeren Geschwister und natürlich Charly den Cleft-Patienten, hat Sie auf die Reise mitgenommen. Zu viert teilen Sie sich nun ein Bett. Es bricht mir das Herz das zu sehen. Zwischen Norlita und Estrelas Bett steht nicht einmal ein Ventilator, Nina Grace bekommt nachts Fieber, so warm ist es in diesem Raum.
Also ziehen wir los, kaufen ein Plantschbecken für die Einrichtung, damit die Kinder sich ein wenig abkühlen können über den Tag und einen Ventilator, den wir zwischen den beiden Mamis im Schlafraum aufstellen.

Charly und seine Schwester Princess Hannah Marie nehmen wir mit in unser Zimmer und lassen Sie bei uns schlafen. Das bringt uns Ärger mit den Nonnen ein, die Patienten haben keinen Platz in der Nonnen Residence…. Ich frage mich wo genau die christliche Nächstenliebe geblieben ist?

Natürlich blieben auch die Läuse nicht aus. Ein Glück dass wir Kahlands so dünnes Haar haben, bei uns blieb kaum eine Laus hängen- die anderen quälen sich weiterhin durch die Läusekur ☹

Unsere Mahlzeiten werden zu einem großen Happening. Gemeinsam segnen wir das Essen und sprechen unseren Dank aus, gemeinsam beginnen wir die Mahlzeit einzunehmen, wir warten aufeinander und stellen sicher, dass auch jeder etwas von der Gemüsesuppe, dem Salat, Obst und Brot erhalten hat. Auch das ist etwas, was das Transient House nicht kennt, da es nach dem Prinzip „first come first serve“. funktioniert.

Morgens und Abends praktizieren wir Yoga, dabei wird viel gelacht. Annie hat Ihrer Gruppe aus Indien Yoga-Hosen mitgebracht, den kleinen Filippinos reicht die Hosen teilweise unter die Achseln.

 

Während des Tages führt Annie viele Gespräche mit den Patienten, lässt Sie im Kreis zusammenkommen, plant die nächsten Schritte und stärkt das Selbstbewußtsein der Betroffenen.

Wir verteilen unsere Kleider und Spielsachen, versuchen jedem Kind in der Einrichtung eine Kleinigkeit zu schenken und stellen eine Box für das Transient House mit Spielsachen-Spenden auf. Das Prinzip des Teilens klappt nicht so richtig, bald schon ist die Box leer und jeder schaut nach seinem Eigentum.

In einzelnen Interviews mit den drei Familien erfrage ich die Höhe und Ursache der Schulden, die Lebensumstände, die Höhe der Schulkosten.
Estrela kommt insgesamt auf knapp 14000 PHP Kredit. Warum so viel, frage ich Sie? Dann beginne ich zu verstehen… aus 5000 PHP werden innerhalb von 6 Monaten 7200 PHP, respektabel, die Höhe des Zinssatzes! In diesem Moment verspreche ich mir diesen Familien zu helfen, Spenden für die Kreidtablösungen zu finden als auch Paten für die Kinder, die dauerhaft bereit sind die Schulausbildung zu finanzieren.

 

Norlita’s Geschichte

Am Traurigsten macht mich die Geschichte von Norlita, die sich alleine, ohne Mann und Unterstützung Ihrer Eltern durchschlagen muss. Im Haus hat Sie nicht einmal Strom, täglich arbeitet Sie 12h als Hausmädchen, Charly und der kleine Sohn Prinz (2 Jahre alt!) werden hierfür den gesamten Tag im Haus eingesperrt. Warum, frage ich, deine Eltern wohnen doch nebenan?
Tja, mit der Verantwortung hat es nicht jeder… anfangs passte Norlitas Mutter auf die Kinder auf, schlief jedoch tagsüber einfach und Norlita musste Ihren Einjährigen Sohn vom Dach des Hauses retten… soviel dazu. Jetzt, wo Sie den größten Teil Ihrer Kinder bei sich hat, freue ich mich, dass Sie gemeinsam Zeit verbringen können. Schnell stelle ich fest, dass die arme Norlita gar nicht weiss wie das geht und gelernt hat, sich um Ihre Kinder zu kümmern. Eine tiefe Traurigkeit überkommt mich. Annie hat die Idee auch für Norlita zu sammeln, mit 2€ täglich ist Ihr Gehalt finanziert und würde Ihr die Gelegenheit geben, sich an die Kinder zu gewöhnen.

 

Resmeel scheint den besten Geschäftssinn zu haben. Seinen Kredit hat er dafür aufgenommen Geschäftsideen umzusetzen. Gemeinsam überlegen wir, ob es nicht eine Lösung für die Probleme gibt, eine gute Geschäftsidee. Vielleicht können wir es schaffen Norlita näher zu Ihren Freunden zu holen, damit Sie nicht mehr ganz so alleine ist?
Annie, Mel (NCFP) & Ich überlegen welche Optionen uns zur Verfügung stehen. Gibt es so etwas wie eine Hilfsorganisation für alleinerziehende Frauen?
Wir besuchen das Büro von Mel, lernen das Personal dort kennen. Sie verfügen sogar über einen kieferorthopädischen und logopädischen Behandlungsraum. An einer Pinnwand finden wir Vorher-Nachher Bilder von behandelten Clef-Patienten. Es ist unglaublich, wozu diese Ärzte in der Lage sind!

Ich weiss es ist verschwenderisch und ich hätte mit dem Geld vielleicht noch einen Kredit mehr abbezahlen können, aber ich möchte diesen Kindern und Familien Hoffnung geben und eine schöne Erinnerung bescheren. Also planen wir einen Ausflug, kochen im Vorfeld eine Unmenge an „Pansit“- einem traditionellen philippinischen Reisnudelgericht mit Gemüse, bestellen einen Van und machen uns auf den Weg. Wir fahren Riesenrad und einen Bummelzug, Essen Eis und geniessen den Blick aufs Meer. Die Einzigsten die mal wieder motzen, sagen das sei langweilig und doof, sind meine Kinder. Ich kann nicht fassen wie dankbar diese Patienten sind und kämpfe täglich mit dem Undank meiner Kinder, frage mich, ob ich Sie zu solchen Menschen erzogen habe und stelle fest, dass Sie sich zu Hause dem Sog des Wohlstands gar nicht widersetzen können und es vermutlich vieler dieser Reisen benötigt, bis Sie zu verstehen lernen….

Während des Wartens stellt sich heraus, dass Charly vermutlich Tuberkulose hat, eventuell auch der Rest seiner Familie! Oh nein, wir beten, dass dem nicht so ist. Denn wenn das eintritt, kann er frühestens in 6 Monaten operiert werden. Aber wer soll dieses Mal die Last auf sich nehmen und kämpfen, bis Sie nach Manila kommen? Heisst das für Annie Sie fliegt in 6 Monaten noch einmal auf die Philippinen? Lemceer Zeus hat Husten- auch für Ihn heisst es 6 Wochen warten, Resmeel wird nervös, er muss dringend Geld nach Hause schicken… und Nina Grace wiegt nicht genug, wir müssen Sie weiterhin aufbauen.
Die Nachrichten treffen uns alle sehr hart, jetzt heisst es warten, hoffen und beten.

Am Tag meiner Abreise lade ich unsere Gruppe zu einem Abschiedsmittagessen in ein thailändisches Lokal ein- es ist eigentlich nichts Besonderes, für diese Menschen jedoch eine große Ehre. Resmeel verlässt vor lauter Sorge, sein Sohn könnte etwas im Restaurant kaputt machen, die Lokalität. Also packen wir Ihm etwas zu Essen mit ein.
Voller Eindrücke und aufgewühlter Emotionen treten wir unsere Rückreise an. Zu Hause schreite ich sofort zur Tat. Das Internet auf den Philippinen ist extremst unstabil, also übernehme ich für Annie die Aktualisierung der Spendenseite betterplace. Ich stelle die Bilder ein, schreibe eine kurze Projektbeschreibung und schreibe alle Auslagen aus, die jetzt noch offen sind, durch Annie vorgestreckt wurden oder noch benötigt werden. Aus Erfahrung weiss ich, dass Emails schreiben nichts bringt, es schenkt mir weder Gehör noch Spendengelder. Ich versende über 60 Whatsapp-Sprachnachrichten, hänge Bilder und den Spendenlink an und hoffe ganz feste, dass wir hierdurch das Loch ein wenig Stopfen können. Fieberhaft überlege ich, was ich noch tun kann. Arbeite bereits an Flyern für „Yoga for kindness“, die ich meinen beiden Sportstudios schicken werde. Anstelle eines Stundenlohnes möchte ich die Teilnehmer um eine Spende bitten, wir werden sehen. Die Plakate von betterplace gehen in Kürze in Druck, damit ich Sie bei den örtlichen Apotheken, Supermärkten und Banken verteilen kann. Ich weiss, es ist nur ein Tropfen auf dem heissen Stein- aber es ist besser als Nichts… immerhin haben wir wenn es klappt damit 3 Familien geholfen & 7 Kindern eine Schulausbildung ermögicht- und damit auch die Chance geschaffen, dass diese Kinder aus der Spirale der Armut entfliehen können.

Annie arbeitet bereits an neuen Konzepten, wie Sie eine größere Anzahl an Menschen erreichen und aufklären kann, ob Sie eventuell Reisfelder kaufen können und so eine Zukunft für die Menschen zu ermöglichen uvm. , ich verfolge gespannt Ihre Schritte und ich weiss, dass jeder Cent von dem Spendengeld auch dort ankommt, wo er hingehört!

Wer ebenfalls mit Geld-/Sachspenden oder Ideen das Projekt unterstützen möchte, bitte hier Spenden:

 

Hier geht’s zum Spenden <3

 

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